Alltagsleben in den Heimen



In einer vom Krieg gezeichneten Welt wurden die Nachbarschaftsheime zu Oasen der Begegnung und Selbsthilfe, die sich etwa in Nähstuben, Wäschereien, Schusterwerkstätten, Büchereien und Wärmeräumen manifestierten. Die Heime waren Teil eines internationalen sozialreformerischen Lernprozesses, in dem Beziehungen, demokratische Praxis und gemeinschaftliche Verantwortung nach Krieg, Verfolgung und Gewalt neu wachsen konnten. In dieser Offenheit spiegelte sich das konzeptionelle Denken von Hertha Kraus wider: Nachbarschaftsarbeit sollte nicht normieren, sondern Möglichkeiten schaffen.

Die Heime bauten auf den Traditionen der Settlements auf und richteten sich gezielt auf die drängenden Nöte der Nachkriegszeit. Dazu gehörte etwa die Versorgung mit Nahrung, Kleidung und anderen lebenswichtigen Gütern. Im zerstörten Deutschland herrschte ein Mangel an Werkzeugen und Baumaterialien für den Wiederaufbau. Flucht und Vertreibung, hohe Arbeitslosigkeit und wachsende Spannungen prägten das gesellschaftliche Klima. Soziale Infrastrukturen fehlten nahezu vollständig. Die Bedeutung der Heime wird besonders vor dem Hintergrund dieser Lebensverhältnisse deutlich.

Foto: Kinderspeisung, 1949 © Mittelhof e.V.

Die Nachbarschaftsheime boten neben materieller, vor allem auch seelische Unterstützung. Ihr Ziel war es, demokratische Haltungen und soziale Teilhabe zu fördern. Ganz im Sinne der Ideale der Settlement-Bewegung wurde dabei das Konzept von Hertha Kraus praktisch umgesetzt: die Befreiung zur Mitverantwortung. Menschen, die Unabhängigkeit und gemeinschaftliches Handeln nicht gewohnt waren, konnten hier spielerisch und praktisch lernen, sich einzubringen – sei es durch Spiel, Sport, Handwerk, Gespräche, Vorträge oder die Mitgestaltung organisatorischer Abläufe. In den Heimen entstanden Brücken, die Vorurteile abbauten, und lebendige Räume, in denen soziale Offenheit und Durchmischung erprobt wurden. 

Die Arbeit in den Einrichtungen war lebendig, vielseitig und getragen von großem Engagement. Insbesondere junge Besucherinnen und Besucher berichten, dass die Heime in einer Zeit der Neuorientierung zu wichtigen Treffpunkten wurden, da sie neue Wege des Zusammenlebens boten. Durch den demokratischen Ansatz in den Heimen konnte jede und jeder zum Gelingen des Ganzen beitragen. 



Die Arbeit in den Nachbarschaftsheimen hatte nicht nur für die Menschen vor Ort nachhaltige Bedeutung, sondern auch für internationale Fachkolleg:innen. So führte im Jahr 1950 eine international besetzte Rundreise des AFSC zu den neu gegründeten Nachbarschaftsheimen in Deutschland, um Einblicke in die Arbeit und Bedeutung der Nachbarschaftsheime zu gewinnen.  

Auf ihrer deutschlandweiten Reise berichten Lou Schneider (ASFC Paris) und Marlies Gildemeister von einer hohen Lebendigkeit und Vielseitigkeit der Arbeit, die sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Nachbarschaften orientiert. Sie vertreten die Auffassung, dass diese Form der sozialen Arbeit im Prozess der gesellschaftlichen Neuorientierung eine zentrale Rolle einnimmt und zur Entwicklung einer sozialen und demokratischen Identität beiträgt. Die Nachbarschaftsheime werden als wichtige Orte zur Förderung sozialer Kontakte und gemeinschaftlicher Bindungen wahrgenommen.  



Von Beginn an begleiteten Fragen der Finanzierung, der Selbstorganisation und des Umgangs mit knappen Ressourcen die Arbeit aller Häuser. Diese Erfahrungen förderten Verantwortungsbewusstsein und Organisationsmut.  

Jedes Nachbarschaftsheim war dabei selbstständig, zumeist organisiert als eingetragener Verein mit eigener Satzung und Verwaltungsstruktur. Alle hatten gemein, dass die Beschlüsse von einem auf breiter Basis konstituierten Gremium gefasst wurden. Auch die Programmgestaltung orientierte sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Nachbarschaft. Die Finanzierung erfolgte zu Beginn überwiegend durch Spenden der amerikanischen Gründer- und Unterstützerorganisationen, vor allem des AFSC, dessen Beitrag je nach Einrichtung zwischen 30 und 70 Prozent lag. Von Anfang an war klar, dass Sachspenden, Personal und Geld der „Sponsoren“ nur als Starthilfe dienen und später nicht mehr bereitgestellt werden würden. Bereits 1949 kündigte der AFSC den stufenweisen Abbau der Spendengelder aus den USA an. Für lokal initiierte Nachbarschaftsheime waren neben Zuschüssen des US-High Commissioner of Germany (HICOG) auch die beginnende Förderung durch Kommune und Land existenziell. So verfügte beispielsweise das Nachbarschaftsheim Schöneberg 1950 über einen Jahresetat von 10.000 DM, der sich aus einem Zuschuss des Sozialamtes für die Altenarbeit in Höhe von 6.400 DM und 3.600 DM aus zu erwirtschaftenden Eigenmitteln zusammensetzte.