Wurzeln der sozial-kulturellen Arbeit
Die industrielle Revolution markierte den raschen Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft und gilt als einer der größten Umbrüche der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Menschheitsgeschichte. Die Technisierung der Landwirtschaft, gesteigerte Produktivität, eine Verbesserung der hygienischen Bedingungen und fortschreitende medizinische Versorgung führten innerhalb kürzester Zeit zu einem starken Bevölkerungswachstum und einem Überangebot an Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Neu entstehende Arbeitsplätze in den Fabriken leiteten eine massive Landflucht und einen damit einhergehenden Urbanisierungsschub ein. Berlin etwa wuchs von rund 500.000 Einwohnern im Jahr 1859 auf ca. zwei Millionen im Jahr 1905.
Das Stadtleben war ein Spannungsfeld zwischen moderner Technik, fehlender städtischer Infrastruktur und massiven sozialen Problemlagen. Ein tiefer Graben zog sich zwischen wohlhabendem Großbürgertum und dem Proletariat aus Lohnarbeiter: innen. Das Überangebot an Arbeitskräften drückte den Lohn auf ein Minimum. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren katastrophal. Kinderarbeit, Arbeitswochen von 60 Stunden, Armut, Hunger, Leben in überfüllten Mietskasernen mit unzureichendem Zugang zu sauberem Wasser, Licht und Luft, Krankheiten, Gewalt, Kriminalität und zerrüttete Familienverhältnisse bestimmten den Alltag. Diese Elendszustände, als „soziale Frage“ bezeichnet, waren die größte innenpolitische Herausforderung und zentrales gesellschaftliche Anliegen in den Staaten Europas zu jener Zeit. Sie bildeten den Katalysator für verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen: die Genossenschafts- und Arbeiterbewegung, die christliche Soziallehre, moderne Sozialpolitik und -gesetzgebung sowie die Frauenbewegung - alle auf ihre Weise bestrebt, den bestehenden Verhältnissen entgegenzuwirken.
Begriffsdefinition: Settlement-Bewegung
Die Settlement-Bewegung bezieht sich hier auf eine soziale Reformbewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts ausgehend von dem Vereinigten Königreich und später den USA. Die zentrale Idee war eine Ansiedlung von gebildeten bürgerlichen Bevölkerungsschichten in Arbeiterquartieren, um als Brücke zwischen der Arbeiterbevölkerung und den gebildeten, wohlhabenden Schichten zu fungieren und so deren Selbsthilfepotential zu stärken und auf diese Weise Elend und Armut entgegenzuwirken.
Hier beginnt auch unsere Geschichte. In England, mitten in Fabrikrauch, Enge, Hunger und Hoffnung formte sich langsam eine kühne, wegweisende sozialreformerische Idee, die später das Fundament der Nachbarschaftsarbeit werden sollte: Die Settlement-Bewegung
In London entstand 1884 das erste Settlement Toynbee Hall, gegründet von Samuel und Henrietta Barnett. Gemeinsam mit wechselnden Studierenden lebte das Pfarrerehepaar im berüchtigten Londoner Eastend, um bis dato scheinbar unüberwindliche Distanzen zwischen Arm und Reich zu überbrücken, Austausch zwischen den Menschen verschiedener Schichten zu ermöglichen und so dem „moralischen Verfall“ in den Elendsvierteln entgegenzuwirken. Dabei verstanden sie Settlement nicht nur als reine Hilfeleistung, sondern auch als Begegnungsraum zur Förderung gegenseitigen Verständnisses und Ausdruck einer gemeinsamen gesellschaftlichen Verantwortung. Die Toynbee Hall gilt als der Ursprung der Settlement-Bewegung. Noch im selben Jahr folgte in London das Oxford House.
Was in Toynbee Hall und Oxford House seinen Anfang nahm, entfachte bald eine ungeahnte Ausstrahlung. Nur ein paar Jahre später gab es Settlements in mindestens 12 Ländern und fast alle hatten ihren Gründungsimpuls direkt oder indirekt von Toynbee Hall erhalten. Der Ansatz verbreitete sich schnell, da er Antworten auf die drängenden sozialen Herausforderungen der Industrialisierung bot und neue Formen bürgerschaftlichen Engagements ermöglichte. Die Settlements gingen weit über bloße Armenhilfe hinaus und leisteten einen wichtigen Beitrag zur Reform der urbanen Lebensverhältnisse.
Fotos vom Besuch in Toynbee Hall im November 2025 © VskA e.V.
In den Settlements wurden Bildungsangebote organisiert, Selbsthilfeinitiativen unterstützt und kulturelle Veranstaltungen durchgeführt, die Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus miteinander ins Gespräch brachten und neue Räume für Austausch und Teilhabe schufen. Diese Vielfalt der Angebote förderte nicht nur soziale Lernprozesse, sondern stärkte auch das gemeinsame Gefühl einer solidarischen Gemeinschaft, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig prägen sollte.
Die Settlement-Bewegung erreichte innerhalb kürzester Zeit auch die USA. Die wachsende Anzahl mittelloser Einwanderer:innen in den Elendsvierteln der schnell wachsenden Städte machte die Suche nach Konzepten zum Umgang mit den sozialen und ökonomischen Problemen umso dringender. Das University Settlement (1891) und das Henry Street Settlement (1895) stehen stellvertretend für die rasche Etablierung der Settlements in New York. In Chicago gründeten Jane Addams und Ellen Gates Starr 1889 das wegweisende Hull House. Von gebildeten Frauen geführt, entwickelte es sich zu einem wichtigen Ort für weibliche Selbstbestimmung und politische Arbeit. Kernstück waren das Zusammentreffen bei Festen und in abendlichen Runden. Der Austausch über Erfahrungen, Erwartungen, Schwierigkeiten und Hoffnungen bot insbesondere neu-ankommenden Immigrant:innen Orientierungshilfen in der neuen Heimat.
Im späten 19. Jahrhundert begann sich die Soziale Arbeit als eigenständige Profession herauszubilden, geprägt von einem neuen Verständnis menschlicher Lebens- und Leidenslagen. Weg von rein karitativer Hilfe, traten Herangehensweisen in den Vordergrund, die auf Empowerment, Partizipation und gesellschaftliche Teilhabe basierten. Wesentlich war dabei die Erkenntnis, dass soziale Probleme vielfältige Ursachen haben und individuelle Förderung nur unter Berücksichtigung sozialer Strukturen wirksam sein kann. Das Wechselverhältnis zwischen privilegierten und benachteiligten Bevölkerungsschichten prägte die Herausbildung der frühen Sozialen Arbeit maßgeblich. Parallel dazu begann zugleich die Entwicklung einer umfassenden Methodik.
„Tradition und Geschichte der Nachbarschaftsarbeit“
Der folgende Text geht auf einen Vortrag von Herbert Scherer zurück, der über viele Jahre als Geschäftsführer die Arbeit des VskA e.V. maßgeblich geprägt hat. Er stellte diesen Vortrag auf der Jahrestagung 2018 vor. Die hier vorliegende gekürzte Fassung wurde erstmals im Rundbrief 1/2020 (S. 4–9) veröffentlicht und beleuchtet die zentralen Ideen sowie die prägenden Persönlichkeiten der „Vorgeschichte“. Scherer schreibt:
„Der „Urknall" dieser Bewegung (Toynbee Hall in London) hat als unmittelbarer Ideengeber Pate gestanden bei der Gründung der ersten amerikanischen Settlements und bei der voneinander ansonsten unabhängigen Gründung zweier deutscher Einrichtungen, die jeweils wieder Vorbilder für weitere Einrichtungen werden sollten“
Foto: Herbert Scherer auf der VskA Jahrestagung © VskA e.V.



