Sichtwerbung 



Die Öffentlichkeitsarbeit, damals meist als „Sichtwerbung“ bezeichnet, war von Beginn an eng mit der Frage der finanziellen Absicherung verbunden. Allen Beteiligten war bewusst, dass die ausländische Hilfe nicht dauerhaft zur Verfügung stehen würde. Früh war klar, dass Sichtbarkeit und Überzeugungsarbeit zentrale Voraussetzungen für das Überleben und die Weiterentwicklung der Häuser waren.

Gleich im Gründungsjahr stellte der Verband offiziell eine „Werberin“ ein, deren Aufgabe es war, gezielt Mittel einzuwerben. Wie akribisch sich die Häuser konkret mit Fragen der Werbung und Außendarstellung beschäftigten, zeigt ein mehrseitiges Protokoll vom Nachbarschaftsheim Neukölln vom April 1952:

Eine schwarzweiß Skizze: Eine Mumie verbident mit ihrer Binde 12 stilisierte Häuschen. Oben der Schriftzug in Handschrift: Man war in Berlin um die Nachbarschaftsheime zu verbinden.


Berichte: Besuch im N.H. Neukölln und 
Unterredung mit Herrn Timm, 1952


In diesem Protokoll ist eine "Unterredung mit Inge Blauert und der Jugendleiterin [des Nachbarschaftsheims Neukölln] über die Möglichkeiten einer Werbung in Neukölln und die hierfür erforderlichen Arbeiten" festgehalten:

„Folgende Punkte wurden von mir vorgetragen:

1. Bildung eines Komitees von 3 bis 4 Mitgliedern, die nicht aus den bereits bestehenden Ausschüssen, sondern aus der Neuköllner Bevölkerung gewonnen werden müssen.
 
2. Bildung eines Förderkreises aus Geschäftsleuten und der in Neukölln beheimateten Industrie. Dazu ist zuerst erforderlich festzustellen, was auf diesem Gebiet in Neukölln vorhanden ist. Werbung der Heimbesucher in ihren eigenen Bekanntenkreisen bzw. in ihren Arbeitsstätten.
 
3. Selbstfinanzierung. 
Einberufung einer Versammlung aller erwachsenen Heimbesucher einschl. der Eltern der N.H. Kinder, um mit ihnen die Lage des N.H. zu besprechen und Anregungen für eine Finanzierung zu erhalten. [...]

4. Weihnachtsbazar."


Foto (links): Liste der Neuköllner Geschäftsleute und Industrie als Zielgruppe für die Spendenakquise, 1952 (Quelle: VskA Archiv)


Ganzer Bericht zur Werbung in Neukölln von 1952


Sichtwerbung blieb also nicht abstrakt, sondern war direkt an die lokalen Gegebenheiten der einzelnen Häuser gekoppelt. Es ging um praktische Überlegungen: Welche Formen der Darstellung waren möglich, welche potenziellen Geldgeber im Umfeld erreichbar, welche Arbeiten dafür notwendig?

Auf Verbandsebene wuchs zugleich der Wunsch nach einer stärkeren Bündelung von Materialien und Belegen. Sichtwerbung richtete sich nicht nur an ein deutsches Publikum, sondern hatte auch eine internationale Dimension. Bei der Zusammenkunft der Heimleiterinnen der westdeutschen Nachbarschaftsheime im Dezember 1953 in Darmstadt hält ein Bericht fest:

„Zum Schluss wurde vom Darmstädter Zentralbüro und vom Verband der dringende Wunsch ausgesprochen, von den Heime so viel Material als irgend möglich zu erhalten. Es interessieren nicht nur die für Philadelphia und die dortige Geldwerbung [für die Ford Foundation] unbedingt notwendigen Berichte, sondern auch Zeitungsartikel, Heimzeitungen und so weiter.“

Aus dem Bericht über die Zusammenkunft der Heimleiterinnen der Westdeutschen Nachbarschaftsheime am 3. und 4. Dezember 1953 in Darmstadt, 1.Sitzung.


Berichte, Artikel und interne Veröffentlichungen wurden Teil einer Argumentation gegenüber Förderern, Stiftungen und Partnern, die die Bedeutung der Nachbarschaftsheime belegen sollte. Zugleich wurde Öffentlichkeitsarbeit zunehmend als integraler Bestandteil der Nachbarschaftsarbeit verstanden. In einer Aktennotiz zur Mitarbeiterbesprechung im Nachbarschaftsheim Neukölln vom 25. Januar 1954 betonte Irma Müller‑Edom:

„[...] dass die Werbearbeit ein Teil des gesamten Heimprogrammes werden muss. […] Von meiner Seite wurde es als wichtig angesehen, in gewissen Zeitabständen an alle Förderer und Freunde des Hauses einen Bericht herausgeben, in dem in zwangloser Form auf die verschiedenen Gruppenergebnisse eingegangen wird. […]“ 

Aus Irma Müller‑Edons Aktennotiz zur Mitarbeiterbesprechung in Neukölln am 25.1.1954


Ein Instrument dieser verbandlichen Öffentlichkeitsarbeit war ein erster Rundbrief der Arbeitsgemeinschaft Westdeutscher Nachbarschaftsheime aus dem September 1955. Er diente den Mitgliedsorganisationen als Austausch und förderte ihre Zusammenarbeit zu Finanzierungsfragen, Öffentlichkeitsarbeit und fachlicher Weiterentwicklung. 

Der Bericht aus der Geschäftsstelle in Darmstadt in diesem Rundbrief vermittelt eindrucksvoll, wie viel organisatorische, kommunikative und werbliche Arbeit hinter den Kulissen geleistet wurde. Offen und mit einer gewissen Selbstironie schildern Lilo Feigel und Gudrun Hylla ihren Arbeitsalltag:

„In der Darmstädter Geschäftsstelle des Verbandes stöhnte Lilo Feigel oft hörbar über die viele Kleinarbeit, die bei ihr gelegentlich am Ende eines Arbeitstages das Gefühl hinterlässt, als hätte sie überhaupt nichts getan. Allerdings wurden unsere Mühen in einem Fall vor wenigen Tagen reichlich belohnt: wir erhielten aufgrund der schriftlich durchgeführten Satzungsänderung – fast ein Jahr nachdem wir die ersten Schritte unternommen hatten – die neue Anerkennung des Finanzamtes als gemeinnütziger Verband und sind somit wieder offiziell anerkannt. 


Die Telephonleitungen zwischen Elsa Walk, Ernst Richter, Gudrun Hylla und Lilo Feigel sind oft recht „busy“, und alle zwei bis drei Wochen finden zwischen den Genannten – manchmal auch mit der Darmstadt/Frankfurt Werberin, Frau Hartwig – Arbeitsbesprechungen in der Lichtenbergstrasse statt. 


Abrechnungen mit Bonn und den Heimen, Arbeitsverträge für die Werber, Beschaffung von Photos für Werbezwecke, Rundschreiben, Zusammenstellung, Vervielfältigung und Versendung von Berichten, Kontakte mit anderen Organisationen, Korrespondenz mit den verschiedenen Vorstandsmitgliedern und der Berliner Geschäftsstelle und, last not least, Vorbereitung der dritten westdeutschen Arbeitsgemeinschaft…. Ein wenig von dieser die Tage ausfüllenden Arbeit hat jeder von Ihnen durch die Korrespondenz mit der Geschäftsstelle kennengelernt.  


An besonderen, über den Rahmen der halbtätigen Geschäftsführung hinausgehenden Projekten sind zu erwähnen: Besuche von Dr. Richter in Bonn – beim Auswertigen Amt, das uns DM 600.- für die Hollandkonferenz gab, bei der Bundeszentrale und dem Bundesjugendplan, die es vermochten, verschiedene Probleme zu klären (ich erinnere an die Ablehnung unseres Antrages für die Mitgliederversammlung) und uns ermutigten, jetzt wieder einen Antrag auf einen Zuschuss für die dritte westdeutsche Arbeitsgemeinschaft zu stellen; Teilnahme am deutschen Fürsorgetag durch Dr. Richter und Frau Dr. Zachau, hier als Vertreterin des Verbandes; ein Streichzug durch verschiedene Dorfgemeinschaftshäuser Hessens, den Elsa Walk auf Einladung der Hessischen Regierung unternahm; eine Vorstandsitzung am 11.09. in Köln, wo sich alle Hollanddelegierten trafen. 


Bisher nicht wesentlich weitergediehen ist der neue Werbeprospekt… Ernst Richter hat ihn mit in die Ferien genommen… […].“ 


Aus dem Rundbrief der Arbeitsgemeinschaft Westdeutscher Nachbarschaftsheime, 1955


Eine schwarzweiß Skizze: Eine Mumie verbident mit ihrer Binde 12 stilisierte Häuschen. Oben der Schriftzug in Handschrift: Man war in Berlin um die Nachbarschaftsheime zu verbinden.


„Rundbrief der Arbeitsgemeinschaft 
Westdeutscher Nachbarschaftsheime" 


Dieser erste Rundbrief der Arbeitsgemeinschaft, der damals sieben Westdeutschen Heime (Nachbarschaftsheim Wuppertal, Nachbarschaftsheim Ludwighafen/Rhein, Quäker-Jugendheim Köln, Nachbarschaftsheim Frankfurt/Main, Nachbarschaftsheim Darmstadt, Nachbarschaftsheim Braunschweig und Nachbarschaftshaus Bremen) vom September 1955, war eines der ersten Unterfangen in punkto Erfahrungsaustausch unter den Heimen. Er enthält Berichte der einzelnen Heime sowie den oben zitierten Bericht aus der Geschäftsstelle in Darmstadt. Im Vorwort heißt es:

„Die Geburt dieses ersten Rundbriefes war nicht ganz einfach! Die Anfrage nach Beiträgen, die wir von den Heimen erwarteten, fiel gerade in eine sogenannte "Berichtsepedemie". Die Heime stöhnten - wir ebenfalls. Dann kamen Krankheiten und Urlaub. Nun aber hoffen wir, durch die kurze Zusammenstellung etwas zu versöhnen. 

[...]

Für diejenigen, die die hauptamtlichen Mitarbeiter der einzelnen Heime nicht mehr so ganz gegenwärtig haben, führen wir hier noch einmal die Namen auf, damit Sie sich eventuell untereinander über Einzelprobleme in Verbindung setzen können, wenn Ihnen diese in Ihrer Arbeit hilft."

Foto (links): Deckblatt Rundbrief der Arbeitsgemeinschaft Westdeutscher Nachbarschaftsheime, 1955 (Quelle: VskA Archiv)

Zum Rundbrief von 1955


Scans: Cover und Logo aus den VDN Geschäftsberichten von 1956, 1960/61, und 1963/64. 
(Quelle: VskA Archiv)


Die Aufzählung der Aufgaben – von Rundschreiben und Berichten über Werbeprospekte bis hin zu Kontakten mit anderen Organisationen – macht deutlich, wie umfassend Sichtwerbung bereits in den 1950er Jahren gedacht wurde. Öffentlichkeitsarbeit war kein Einzelprojekt, sondern ein fortlaufender Prozess, der viel Zeit, Koordination und Ausdauer erforderte.

Die frühen Logos und Broschüren, die in dieser Zeit entstanden, sind nicht nur Zeugnisse der Öffentlichkeitsarbeit, sondern Ausdruck eines Verbandes auf der Suche nach Sichtbarkeit und einem gemeinsamen Selbstverständnis.