
(c) Antonia Fleckenstein
Nachbarschaftstreff entwickelt Format des Solidarischen Rundgangs als Zeichen gegen Rassismus, für Vielfalt und Toleranz
Demokratie erfordert Solidarität und Zivilcourage. Sie wird im Alltag durch das aktive Handeln von einzelnen Menschen oder Gruppen gestaltet. Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus haben wir, der NaiMo Nachbarschaftstreff im Moselviertel, am Nachmittag des 18.3.2024 Nachbar*innen zu einem Solidarischen Rundgang durch unseren Kiez in Berlin-Weißensee eingeladen: Gemeinsam wollten wir Orte aufsuchen, die dem Pankower Register[1] gemeldet wurden, weil es dort zu rassistischen, antisemitischen, homophoben oder sonstigen diskriminierenden Vorfällen gekommen war.
Hintergrund
Der Stadtteil Weißensee Ost, in dem der NaiMo sich befindet, ist in den letzten Jahren, wie viele Orte Berlins, durch starke bauliche und gesellschaftliche Veränderungen geprägt: Höfe wurden bebaut, es entstanden u.a. das Quartier WIR und mehrere Unterkünfte für Geflüchtete. Im Straßenbild kam es dadurch zu einer sichtbaren Zunahme von Diversität. Es gibt ein gutes Netz von sozio-kulturellen Akteur*innen und Migrant*innenselbstorganisationen. Gleichzeitig erzielt die AFD hohe Wahlergebnisse (stärkste Kraft bei der Teilwiederholung der Wahl zum 20. Bundestag im Februar 2024). Kolleg*innen und Besucher*innen berichten immer wieder von Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Zudem ist seit Jahren bekannt, dass Neonazis auf dem Sportkomplex Rennbahnstraße trainieren[2] – und dafür sogar vor Schulen im Bezirk werben.[3] (Unser Träger FreiZeitHaus e.V. engagiert sich dagegen und für Vielfalt in Weißensee in einem Bündnis mit BENN Weißensee, SPK, Fach- und Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus, für Demokratie und Vielfalt [moskito].)
Seit Beginn des Aufbaus des Nachbarschaftstreffs im Jahr 2020 beteiligen wir uns jedes Jahr im März an den Internationalen Wochen gegen Rassismus in Pankow. Dabei haben wir unterschiedliche Formate für verschiedene Altersgruppen ausprobiert, in deren Vorbereitung wir u.a. auf die jährlichen Auswertungen und Vorfallsmeldungen des Pankower Registers zurückgriffen.
Vorbereitung
Da die Vorfallsmeldungen Angaben zu Orten beinhalteten, welche sich auch in der unmittelbaren, fußläufigen Nachbarschaft des NaiMo befinden, entstand irgendwann die Idee, die Vorfälle durch eine Begehung bewusst zu machen.
Die konkreten Vorbereitungen starteten wir im Januar 2024, in dem wir [moskito], zuständig für die Registerstelle in Pankow, anschrieben und Unterstützung für die Idee anfragten. Einerseits baten wir um Informationen zu Vorfällen der vergangenen Jahre, um aus diesen eine Route zu entwickeln. Andererseits wünschten wir uns für den Rundgang die Begleitung durch eine*n Mitarbeiter*in, welche mit ihrem*seinem Fachwissen sowohl Input zur Registerstelle und ihrer Arbeit, zu bekannten aktiven Gruppierungen, typischen Symbolen und Aufschriften, Informationen über den Meldeprozess eines Vorfalls geben, als auch Fragen beantworten könnte.
In den kommenden Wochen informierten wir auf Netzwerkrunden Kolleg*innen über die Idee und tauschten uns über Erfahrungen im Kontext unserer Arbeit aus. Mehrfach hörten wir in diesem Zusammenhang, dass das Jugendzentrum Bunte Kuh in den vergangenen Monaten immer wieder Zielscheibe von Propaganda der rechtsextremen Partei „Dritter Weg“ geworden war.[4] Da auch dieses sich nur wenige Minuten vom NaiMo entfernt befindet, lag es nahe, das Zentrum in den Solidarischen Rundgang zu integrieren – und wir sprachen uns mit den Mitarbeitern der Einrichtung ab, dass sie selbst vor Ort berichten würden.
Schließlich bekamen wir eine Liste von [moskito] mit Links zu Vorfallsmeldungen zugemailt, welche neben Orts- und Zeitangabe Details zum jeweiligen Vorfall beinhalteten. Wir arbeiteten uns ein, trugen die einzelnen Orte auf eine Karte auf google maps ein und entwickelten anhand dieser eine Route, indem wir einzelne Punkte miteinander verbanden; einige mussten wir außen vor lassen, weil sie weiter weg lagen. Durch das Erstellen einer Route auf google maps bekamen wir einen ungefähren zeitlichen Überblick. Wir entschieden uns letzlich für eine Strecke von circa drei Kilometern mit neun Stopps, was einer Laufzeit von etwa 40 Minuten entsprach (insgesamt hatten wir 1,5 Stunden für die Veranstaltung eingeplant). Die relative Kürze wählten wir, um uns an den einzelnen Stopps wirklich Zeit für Gespräche und Fragen nehmen zu können. – Eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellte!
Passend zur Karte, auf der wir die einzelnen Stopps nummerierten, erstellten wir ein Handout. Dieses beinhaltete die Meldungen zu den rassistischen Vorfällen in Pankow und Berichte von Kolleg*innen. Der Rundgang begann mit einer Kurzeinschätzung des Pankower Registers zur Situation in Weißensee, welche uns die Mitarbeitenden von [moskito] zur Verfügung gestellt hatten. Darauf folgten die einzelnen Stopps mit Details zu den dort gemeldeten Vorfällen. Notizen erinnerten an thematisch passenden Punkten daran, Materialien (s. u.) einzubinden. Schließlich folgte eine Liste mit weiteren Vorfallsmeldungen aus dem Gebiet, die nicht Teil der Route waren, um ggf. in Gesprächen darauf eingehen zu können. Den Abschluss bildeten Informationen zu aktiven rechten Gruppierungen in Weißensee sowie Handlungsstrategien für Zivilcourage im Alltag.
In der Vorbereitung machten wir uns zudem Gedanken, wie wir einen vertrauensvollen Rahmen für die Zeit des Rundgangs schaffen könnten. Da nicht klar war, wer kommen würde, entschieden wir uns für eine kurze Vorstellungsrunde zu Beginn, bei der jede*r die Gelegenheit bekommen würde, seine Teilnahmemotivation mit den anderen zu teilen.
Weiterhin fragten wir uns, welches Material uns auf dem Solidarischen Rundgang gegebenenfalls in unseren Anliegen unterstützen könnte: Menschen aus der Nachbarschaft zu informieren, zu sensibilisieren und auch zu aktivieren. Als Gruppe mit der Aktion ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus und für Miteinander zu setzen.
Wir nahmen mit:
- Rassismus-Definition und Handreichung zum Umgang mit rechtsextremen oder rassistischen Aussagen der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR)
- Erste Hilfe Set für Zivilcourage, entstanden aus einer Kooperation des Bezirksamts Pankow mit [moskito] in 2021
- Flyer der Polizei zum Thema „Zivilcourage zeigen“
- Flyer „10 Punkte für Zivilcourage“
Erfahrungen
Zur Veranstaltung kamen trotz trüben Wetters eine Handvoll Nachbar*innen. Besonders kann ich mich an eine Gruppe von drei jungen, miteinander befreundeten Männern erinnern, die ihre Arbeitszeiten extra angepasst hatten, um an dem Solidarischen Rundgang teilzunehmen. Das war schonmal ein Erfolg!
Begleitet durch eine Mitarbeiterin von [moskito] begannen wir mit einer Vorstellungsrunde am NaiMo, nach der klar war, dass die Teilnehmenden stark politisch interessiert, über rechte Parteien informiert und dagegen bereits aktiv waren. Entsprechend intensiv war von Beginn an das Interesse an den konkreten Vorfällen hier im Kiez und der Austausch über eigene Erfahrungen und Handlungsstrategien. Karte und Handout waren hilfreiche Werkzeuge für die Orientierung und Gestaltung der Veranstaltung. Es brauchte tatsächlich öfter ein Antreiben der Teilnehmenden, um von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Ausgelöst durch die Berichte der Vorfälle an den einzelnen Stopps gab es mitunter die Tendenz, lange im Stehen zu diskutieren. Dabei lösten manche Orte bei den Teilnehmenden auch eigene Erinnerungen an Vorfälle aus, die sie selbst bezeugt hatten (z.B. an einer Bushaltestelle). Die Inputs durch die Kollegin von [moskito] zu ihrer Arbeit, zu den aktiven Gruppierungen, zu Symbolen und Slogans wurden interessiert aufgenommen und teilweise durch die Teilnehmenden ergänzt. Besonders positives Feedback gab es zu dem persönlichen Austausch mit einem Mitarbeiter des Jugendzentrums Bunte Kuh am Ende des Solidarischen Rundgangs.
Ungünstig erwies sich, dass wir im Anschluss noch eine weitere Veranstaltung geplant hatten, sodass wir sehr auf die Einhaltung des zeitlichen Rahmens achten mussten. Künftig werden wir im Anschluss die Möglichkeit eröffnen für weiteren Austausch und, in Absprache mit den Teilnehmenden, längeres Verweilen an den einzelnen Stopps. Weiterhin verbesserungswürdig erscheint rückblickend, die sichtbare Positionierung: Obwohl ich mich mit einem Schlüsselband als Mitarbeiterin des FreiZeitHaus kennzeichnete und eine Klemmmappe auf einen offiziellen Anlass hinwies, war der Rundgang für Außenstehende nicht klar als anti-rassistisch zu erkennen. Es ist zu überdenken, inwiefern eine Bezugnahme auf die Internationalen Wochen gegen Rassismus oder konkret den Solidarischen Rundgang sichtbar gemacht werden könnte.
Zusammenfassung
Der Solidarische Rundgang hat nicht nur dazu beigetragen, rassistische, antisemitische und diskriminierende Vorfälle im Kiez sichtbar zu machen, sondern auch die Möglichkeit geboten, sich aktiv für eine demokratische Gesellschaft einzusetzen. Indem wir gemeinsam die Tatorte aufgesucht haben, konnten wir sowohl über die Vorfälle sprechen als auch über konkrete Handlungsstrategien, wie jede*r Einzelne zur Förderung von Vielfalt und Demokratie beitragen kann. Es war ein Appell an uns alle, Verantwortung zu übernehmen und aktiv in unserer Gemeinschaft für demokratische Werte einzutreten.
Für Akteur*innen der sozio-kulturellen Arbeit bietet der Solidarische Rundgang eine praxisnahe und direkt anwendbare Methode, um mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen, Empathie zu fördern und Zivilcourage zu stärken. Das Konzept kann an vielen Orten adaptiert werden, lokale Netzwerke stärken und den Gemeinschaftssinn fördern.
Ausblick
Auch in 2025 werden wir wieder einen Solidarischen Rundgang durch unseren Kiez anbieten. Diesmal werden wir auch noch eine Handreichung zu Nazi-Aufklebern mitnehmen und uns Gedanken machen, wie wir als Gruppe mit dem Solidarischen Rundgang ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus und für Vielfalt setzen können. Auch das BENN Team Weißensee plant, im kommenden Jahr einen Solidarischen Rundgang durch das Gebiet rund um die Bühringstraße anzubieten.
Wir laden alle ein, dieses Format als einen aktiven Beitrag zur Stärkung der Demokratie in ihrem eigenen Arbeitskontext umzusetzen. Gemeinsam holen wir die Vorfälle ins Bewusstsein und zeigen: Demokratie lebt vom Miteinander. Jede*r kann etwas dafür tun, jetzt erst recht!
[1] Das Pankower Register ist eine der 12 Berliner Registerstellen, denen diskriminierende Vorfälle zur Dokumentation gemeldet werden können, um sie sichtbar zu machen und gegen Ausgrenzung vorzugehen. Mehr Infos siehe hier.
[2] Im Mai 2022 berichtete die Zeit über Kampfsporttrainings von Rechtsextremisten in Weißensee. Im Oktober 2024 berichtete ND über eine Demonstration des Bündnisses „Schaut nicht weg“ gegen die Kampfsporttrainingangebote von Neonazis auf dem Sportplatz Rennbahnstraße.
[3] Die Berliner Morgenpost berichtete im Juni 2024 über Rekrutierungsversuche der Jugendordganisation der kleinen rechtsextremen Partei „Dritter Weg“ vor Schulen.
[4] Im Januar 2024 veröffentlichte der Tagesspiegel einen Bericht über die Zunahme von Aktivitäten durch deren Jugendorganisation „Nationalrevolutionäre Jugend“ (NRJ), u.a. in Pankow. Im Mai 2024 informierte rbb24 in einem Beitrag konkret über die Propaganda an der Bunten Kuh.


(c) Antonia Fleckenstein
Autor:
Antonia Fleckenstein, geborene Berlinerin, hat den NaiMo seit August 2020 aufgebaut und koordiniert. Sie ist studierte Kultur- und Sozialarbeiterin (FH) und seit 2017 in der Gemeinwesenarbeit tätig. Ihr Anliegen ist es, Begegnungsräume zu gestalten, die zur Stärkung einer offenen Gesellschaft beitragen.
Organisation:
FreiZeit Haus e.V.
Gäblerstraße 4, 13086 Berlin
