Demokratie als gesunder sozialer Wandel

​Dessislava Haak

(c) Dessislava Haak

Vorstellung Träger

Der FreiZeitHaus e.V. ist zivilgesellschaftlicher Träger des Stadtteilzentrums Weißensee, des Familienzentrums Weißensee, der drei Nachbarschaftstreffs NAIMO, Altes Waschhaus und an der Seefelder, dem Quartiersmanagement im Quartier WIR, der FreiwilligenAgentur Pankow, der mobilen Stadtteilarbeit sowie weiterer Projekte in der Region Weißensee und damit Treffpunkt und Anlaufstelle für die in dieser Region lebenden Menschen. Mit seinen Angeboten fördern alle genannten Projekte den nachbarschaftlichen Zusammenhalt und das bürgerschaftliche Engagement der Menschen vor Ort und schaffen vielfältige demokratiefördernde Angebote im Sozialraum.  

Seit Herbst 2021 werden innerhalb des Trägers die Programme Mobile Stadteilarbeit Weißensee Ost und Stärkung Berliner Großsiedlungen gebündelt, um Kräfte und Ressourcen dafür einzusetzen, den Sozialen Raum in einem komplexen, bewusst gesteuerten sozialen Wandel zu begleiten, in dem Vertrauen, Freundlichkeit, Zusammenhalt, Durchlässigkeit, Wohlstand und Resilienz gedeihen.

Demokratie jenseits der Begrifflichkeit der Politikwissenschaft 

In dem erlebbaren Alltag wirkt Demokratie als Container für menschliche Würde. In funktionierenden demokratischen gesellschaftliche und Organisationsprozessen erfährt jeder Mensch sein eigenes Sein als ausreichende Grundlage für das Erhalten von Achtung und Wertschätzung. Die Freiheit der menschlichen Entfaltung ist gegeben, so dass jede*r die freie Wahl hat, auf allen drei Entwicklungsebenen zu wachsen: wake up, grow up, show up (Wilber 2011).

 Risse im Demokratiegeflecht 

In den letzten Jahren konnten wir jedoch feststellen, dass in der Region Weißensee-Ost zunehmend Fremdenfeindlichkeit keimt und auf nahrhaften Boden fällt. Zu viel Veränderung fand zu schnell statt, Menschen mit diversen Hintergründen und Lebensentwürfen sind in den letzten Jahren in einem raschen Tempo zugezogen. Das an sich ist herausfordernd und benötigt Zeit, um ins Vertraute überzugehen. Für die „Neuen“ ist das Ankommen schwer. Denjenigen, die „immer da waren“ fällt das Willkommen schwer. Alle brauchen Zeit und Ruhe, um den Übergang zu schaffen und zusammenzufinden. An der Zeit hingegen mangelt es. Wellen des Wandels und Anpassungsherausforderungen reihten sich mit einer Wucht, die überwältigte: Corona hat Verlust, Einsamkeit, Konflikt, Spaltung und Überforderung gebracht. Kaum einen Atemzug später schlug die erste Bombe in der Ukraine ein und viele Herzen zerbrachen weltweit. Mitten in einer tobenden Klimakrise bewerfen wir die Erde mit Bomben, hinterlassen so einen gewaltigen ökologischen Fußabdruck und säen Tod und Verderben, um Machverhältnisse zu klären. Der Krieg im Nahen Osten öffnet weitere Wunden und schmerzt tief. Alles ist ineinander verschachtelt und der Kloß im Hals umschließt auch die Energiekrise, die Trauer um die Wälder, Gletscher und Eisbären und die Angst vor einer Zukunft ohne sie. Die Menschen in Weißensee Ost sind zusätzlich gespalten durch unterschiedliche Einkommensverhältnisse, Lebensentwürfe, Bildungsgrade und politische Haltungen.

 Ist es notwendig die Risse in der Demokratie zu flicken?

Wir Menschen brauchen andere Menschen. 

Am Anfang unseres Lebens brauchen wir die Verbindung, um zu überleben und später, um Dinge zu lernen und zu teilen, gemeinsam zu lachen und gemeinsam Gutes zu bewirken. Wir brauchen Menschen, die wir zu schätzen wissen und die uns als wertvoll und einzigartig anerkennen und annehmen. Wenn wir Brücken bauen zwischen Menschen und Orten, Prozessen, Haltungen und Institutionen, zwischen dem Einzelnen und den Anderen und dem großen Ganzen, dann erschaffen wir damit gesundheitsfördernde Dynamiken. Aus dem Ich wird ein Wir, das uns Halt gibt.

Manchmal jedoch fällt es uns schwer, die Brücken zu sehen, sie zu überqueren. Entweder weil uns die Perspektive oder aber die Kraft fehlen. Manchmal bleiben Menschen abgetrennt und leben einsam. Einsamkeit tut weh und macht krank (Fokus 2023). Es lohnt sich also zu fragen, woraus die Brücken zwischen Menschen und Institutionen gemacht sind, zwischen Menschen und der Politik, zwischen Haltungen, Ideen und der Gesellschaft. Eine mögliche Antwort ist, dass diese Brücken aus Vertrauen bestehen. Aus der Sicherheit, dass die andere Seite erreichbar ist und wenn ein Individuum sie erreicht, einem nichts Schlechtes zustoßen wird, optimalerweise wird es einem noch besser und wohliger ergehen. 

Der Kontext von Fremdenfeindlichkeit ist die Angst davor, dass auf der anderen Seite nichts Gutes wartet und die Vermutung, dass dort Gefahren drohen. Um dem entgegenzuwirken, müssen wir verstehen, wie es dazu kommt? 

Jeder Mensch, unabhängig von Herkunft, Sprache, Bildungsstatus, Lebensentwurf und Lebensweg kennt Fabeln, Sprichwörter, Lieder, Geschichten und Witze, welche die Weisheit vermitteln, dass Vertrauen durch Lügen und/oder Halbwahrheiten gebrochen wird. Nun leben wir in einer Zeit, in der Fakenews und Halbwahrheiten das Informationsfeld beherrschen. Klimawandel wird als Legende dargestellt und rechtsradikale Haltungen als Wache für gute Werte.

  

„Und wie immer, wenn jemand Ja und Nein zugleich zu sagen versucht, endet das im Chaos“ (Kingsley 2020)

In dem Grau von Halbwahrheiten; Meinungen als Fakten, Ignoranz als Tradition, Starrheit als Stabilität und Angst als Werte verpackt, ist es schwer Kind und jung zu sein. 

Der Anfang des Lebens ist natürlicherweise eine Zeit, in der man sich eine schöne Zukunft in einer schönen Welt erträumt. Sogar wenn die unmittelbaren Verhältnisse prekär sind, ist die Zukunft per Definition eine lange Zeit danach und das bringt Hoffnung auf Gutes, das bevorsteht. In der heutigen Zeit wachsen Kinder jedoch in einer Welt auf, die durch die Haltungen und Handlungen von den verantwortlichen Erwachsenen eine fragmentierte, suboptimale Zukunftsaussicht im Angebot hat. Und so schwindet das Vertrauen von Kindern, stabil und resilient aufzuwachsen. Sie brauchen die Möglichkeit, sich selbst als wirkungsvoll zu erleben, damit sie die Hoffnung ernten, dass ein Wandel ins Positive möglich ist. Alle Menschen brauchen epistemisches Vertrauen - Kinder besonders.

Fragen + Zuhören = Verstehen = Respektieren = Beteiligen und Integrieren  

Das mobile Team in Weißensee Ost und das Programm Stärkung Berliner Großsiedlungen haben schnell erkannt, dass ein solidarischer Wandel, hin zu einem empathischen Miteinander in der Nachbarschaft, nur gelingen kann, wenn die junge Generation gehört und beteiligt wird. Dies basierte auf dem wahrhaftigen Interesse darüber, wie Kinder auf den aktuellen und komplexen gesellschaftlichen Wandel respondieren, aber auch einer tiefen Überzeugung, dass die unerschrockene Menschlichkeit der Kinder uns allen Antworten liefen kann, die wir dringend brauchen, um den Übergang zu einer harmonischen multikulturellen Gesellschaft zu bewältigen. 

Um zu erfahren, was es braucht, damit das Fremde zum eigenen wird, führte das Team die Umfrage „Der außerirdische Talk“ mit insgesamt 350 Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren aus der Region durch. Die Kinder beantworteten dabei fünf Fragen:

  1. Welchen Ort würdest du einem Außerirdischen zeigen?
  2. Was würdest du gerne einem Außerirdischen beibringen?
  3. Was würdest du über die Erde erzählen?
  4. Was würdest du über die Menschen erzählen?
  5. Was hast du gemeinsam mit einem Außerirdischen?

Die gesammelten Antworten sind so vielfältig wie erstaunlich. Der Außerirdische „muss in einer Alien-Fang-Station, damit er die Welt nicht umbaut“, er muss „Deutschland sehen und einen Ort mit Schnee besuchen und den ganzen Planeten“. Der Außerirdische „muss lernen Gefühle zu zeigen“. „Schwimmen“, „Fliegen“ und „Singen“ sind optional, aber „Deutsch“ müssen sie unbedingt lernen. 

Die Außerirdischen sollen wissen, dass „die Erde voller Krieg ist“, vermüllt und unfair, aber auch „nett und freundlich“ und „sie dürfen die Erde nicht zerstören“. Good to know ist auch, dass „Zitronen lecker sind“, Wasser überall und lebenswichtig ist und dass “die Erde in Gefahr ist, weil der Klimawandel immer schlimmer wird“. 

Über die Menschen wäre erzählenswert, dass sie Gefühle haben und Namen und Geheimnisse und dass einige denken, dass sie die besseren Menschen sind, aber das stimmt nicht, weil „die Menschen sind alle anders, keiner ist gleich, alle sind verschieden und alle sind positiv und negativ“, „gleichzeitig schlau und ziemlich blöd“ und schließlich: Die Menschen „können liebevoll sein“, …wenn sie das wollen. 

Mit Außerirdischen haben Menschen entweder „Nix“ gemeinsam oder „Einiges! Sie haben mich hier vor einer Weile vergessen“.

Das Team der Mobilen Stadtteilarbeit hat beim Auswerten der zahlreichen Antworten gelacht, ein paar Tränen vergossen, die Hände aufs Herz gelegt, mit dem Kopf geschüttelt und den klaren Kindergeist bewundert. 

 Das Handbuch: ein kreatives Konzept

Die Befragung „Der außerirdische Talk“ offenbart die reale, aufregende Möglichkeit von der Zukunft zu lernen! Ein Grund für das Team der mobilen Stadtteilarbeit die gesammelten Ergebnisse in einem Heft zu veröffentlichen, ergänzt mit Ideen und Anregungen zur weiteren Bearbeitung des Themas durch Kunst- und Kulturschaffende, Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen und Akteur*innen in Weißensee-Ost und darüber hinaus. Das Programm Stärkung Berliner Großsiedlungen hat die Gestaltung finanziert und der FreiZeitHaus e.V. hat das Handbuch „Die Begegnung mit Außerirdischen“ Ende 2023 veröffentlicht.


(c) Dessislava Haak

Die Bildungsinitiative

Wie geht es im Jahr 2025 weiter? Die Prozessautorinnen Dessislava Haak, Valentina Sartori, Katharina Hohaus und Handan Sahin sind regelmäßig mobil in der Region unterwegs. Mit der sogenannten Empathie Kampagne kommen sie dabei mit Menschen auf der Straße offen und akzeptierend ins Gespräch zu Fremdenfeindlichkeit und dem möglichen Wandel zu Fremdenfreundlichkeit. Zudem haben sie sich vorgenommen, eine Brücke zwischen dem Lernort Schule und der sozialraumorientierten Gemeinwesenarbeit in Weißensee Ost zu bauen, um insbesondere die Beteiligung von Schulkindern in gesellschaftlichen Prozessen zu fördern, wie auch die kreativen, empathischen und klugen Ideen der jungen Menschen aufzunehmen. So versuchen sie den Herausforderungen der Zeit zu begegnen und der zunehmenden (Fremden)feindlichkeit, Angst und Vereinsamung mit Verbundenheit und Empathie zu begegnen. Dieser Ansatz stärkt den Zusammenhalt und das demokratische Bewusstsein der Menschen in Weißensee Ost, weil Demokratie beginnt am Anfang und flüstert uns zu von einer besseren Zukunft, der wir gerne folgen. 

Text:, FreiZeitHaus e.V.

 

Quellen:

Fokus (2023): „Einsamkeit kann einen regelrecht auffressen“: Wie sie krank macht und was hilft. https://www.focus.de/gesundheit/chronische-einsamkeit-einsamkeit-kann-einen-regelrecht-auffressen-wie-sie-krank-macht-und-was-hilft_id_187758683.html

Kinsley, P. (2020): Reality. London: Catafalque Press

Wilber, K. (2024): Finding Radical Wholeness – The Integral Path to Unity, Growth, and Delight. Boulder: Shambala


Autorin: 

Dessislava Haak wirkt als Koordinatorin in der Sozialen Arbeit in Weißensee Ost seit Dezember 2020. Sie ist angestellt beim FreiZeitHaus e.V. und verantwortlich für die Umsetzung des Programms Stärkung Berliner Großsiedlungen und der Mobilen Stadtteilarbeit seit 2021. Sie bringt ein Patchwork aus vielfältigen Sichtweisen: Als Quereinsteigerin in der Sozialen Arbeit interessiert sie sich dafür, wie Schüler*innen das eigenständiges Denken lernen, sodass sich ihr emotional-intelligentes Wertesystem entwickeln kann. Es benötigt nämlich jede Bürgerperson eines demokratischen Landes, um sich konstruktiv in der sich stetig entfaltenden gesellschaftlichen Evolution einzubringen. Mit einem mediativen Blickwinkel schaut sie darauf, was es braucht, damit sich ein konstruktiver Prozess-Flow frei entwickeln kann und wo, wie und von wem der Prozess unterbrochen wird: gibt es Konflikte zwischen der optimal-möglichen Entwicklung und der gegenwärtigen Haltung und Handlung? Als Systemische Trainerin und Coach schmiedet sie Systemschlüssel und setzt diese so an, dass die positive Wirkung nachhaltig ist.

Organisation: 

FreiZeit Haus e.V.

Gäblerstraße 4, 13086 Berlin                                   

https://www.frei-zeit-haus.de/