Vortrag „Sozial-kulturelle Arbeit in Nachbarschaftshäusern“

- von Eva Bittner und Markus Runge vom 15.09.2022


Worüber möchten wir heute reden und warum wir beide?

Eva: Fangen wir mal beim zweiten an: Markus Runge und ich umkreisen das Thema sozial-kulturelle Arbeit schon seit vielen Jahren jede(r) auf seine/ihre Weise. Markus, in engem Kontakt mit seinem Kollegen und Theaterpädagogen Jens Clausen (der an diesem Vortrag mitgewirkt hat, aber heute nicht dabei sein kann), sorgt in seinem Hause seit geraumer Zeit dafür, dass in diesem Bereich ganz viel passiert und auch passieren kann. 

Markus: Eva arbeitet in diesem Feld mit Johanna Kaiser ebenfalls seit sehr vielen Jahren und in immer wieder anderen Varianten praktisch als Theaterpädagogin. Wir beide kommen auch aus etwas unterschiedlichen Ecken, Eva und Johanna sind eher mit Georg Zinners Ansatz ‚Kulturarbeit ist die bessere Sozialarbeit‘‚ aufgewachsen‘ …. 

Eva: …. Während Markus sich eher in der Gemeinwesenarbeit zu Hause fühlt.  

Markus: Beide Zugangswege führten in der Praxis aufeinander zu und schlussendlich zu gemeinsamen Projekten wie dem Kreativtag für alle Generationen, der dauerhaften Inobhutnahme einer der Altentheatergruppen aus dem Theater der Erfahrungen, der Durchführung inklusiver Wochenend-Workshops und brachte uns vor allen Dingen regelmäßig miteinander ins Gespräch darüber. Und dieses Gespräch gedenken wir hier und jetzt mit euch fortzusetzen.

Eva: Nachdenken und reden möchten wir also heute über das Herzstück der Nachbarschaftsarbeit, die sozial-kulturelle Arbeit. Vorweg, wir halten es für das Herzstück, auch wenn die Umsetzung das aus unserer Sicht noch nicht immer und überall hergibt. Wir beide würden aber mutmaßen und behaupten, dass bundesweit alle Nachbarschaftseinrichtungen, Stadtteilzentren und Kieztreffs damit zu tun haben, es jedoch nicht überall Priorität genießt, sondern so nebenbei mitläuft. Überall gibt es Ausstellungen, Chöre, Tanzgruppen, Fotolabore, Seidenmalerei, Töpferkurse und vieles mehr. Alle nutzen und gebrauchen aus verschiedenen Gründen den sozial-kulturellen Handwerkskasten - warum tun sie das? 

Markus: Im Rahmen dieses Vortrags möchten wir genauer hinschauen, was in diesem Bereich eigentlich so abläuft, welche Ziele damit verfolgt und wie sie erreicht werden, welche Methoden dahinterstecken, welche Wirkungsweisen für die Teilnehmenden und für die Zuschauenden zu beobachten sind, welche Rolle die Nachbarschaftseinrichtungen dabei spielen und welche Besonderheiten wir in der sozial-kulturellen Arbeit erkennen.

Wir tun das hier mit Bezügen zu den Kulturarbeitssätzen, mit denen wir vertraut sind, die wir seit Jahrzehnten entwickeln und unterstützen. Wir sind uns bewusst, dass die Landschaft bunter ist, die Auseinandersetzung, wie wir sie hier führen, aber durchaus auch auf andere Kulturarbeitsfelder übertragbar ist.

Eva: Natürlich möchten wir auch in die schwierigen Ecken gucken, wenn also z.B. Ziele und Erwartungen nicht harmonieren, sich räumliche und zeitliche Problemzonen auftun oder schlicht die Finanzierung solcher Vorhaben immer wieder in Frage gestellt wird oder gar abstürzt. Denn in Abwandlung einer Bemerkung von Karl Valentin lässt sich feststellen: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit und kostet!“

Markus: Doch zunächst ein Blick zurück: Vor ein paar Jahren kam im Bundesvorstand des VskA die Diskussion einmal mehr auf die Begrifflichkeit „sozial-kulturelle Arbeit“. Gibt es eine Definition dafür? Der Begriff scheint bei vielen Menschen – selbst vielen Mitarbeitenden in Nachbarschaftshäusern Fragen aufzuwerfen, manchmal unverständlich zu sein.

Ich bot mich damals an, eine Definition dazu zu versuchen und begann mit alten Hasen und Häsinnen der Nachbarschaftsarbeit mit einem Definitionsvorschlag ins Gespräch zu gehen. Aus diesen Gesprächen ist folgende Definition entstanden:

„SOZIAL-KULTURELLE ARBEIT BEZEICHNET DEN HISTORISCH GEWACHSENEN ARBEITSANSATZ VON NACHBARSCHAFTSHÄUSERN VON DEN ANFÄNGEN DER SETTLEMENT-BEWEGUNG BIS HEUTE. SOZIALE ARBEIT UND KULTURARBEIT WERDEN DABEI IN NACHBARSCHAFTSHÄUSERN (und ausgehend von ihnen in umliegenden Sozialräumen) SO MITEINANDER VERBUNDEN, DASS DARÜBER MÖGLICHST VIELE MENSCHEN IM GEMEINWESEN ANGESPROCHEN WERDEN, MIT DEM ZIEL, MENSCHEN VERSCHIEDENER MILIEUS, LEBENSSTILE UND RESSOURCEN MITEINANDER IN KONTAKT UND AUSTAUSCH ZU BRINGEN.“

Dabei scheint es aber wichtig, zu sagen, es wäre verkürzt argumentiert, wenn die „kulturellen Angebote“ nur einen funktionalen Zweck haben, nämlich die „Gebildeten“ anzulocken, um ihr soziales Kapital für die eigentlichen Aufgaben nutzbar zu machen.

Und an dieser Stelle zitiere ich gern Herbert Scherer:

„Ich würde sozial-kulturelle Arbeit, angelehnt an die ursprüngliche (holländische) Definition, viel selbstbewusster (was das „Bekenntnis“ zum Begriff angeht) als eine Form der sozialen Arbeit sehen, die nicht (nur) individuelle Defizite fürsorgerisch bearbeitet, sondern ihre Aufgabe (zusätzlich) darin sieht, zur Bildung von lebenswerten Milieus, „Kulturlandschaften“ etc. (das richtet sich an alle Besucher*innen!) beizutragen. Das macht sozial-kulturelle Arbeit zur legitimen Schwester der Gemeinwesenarbeit, wenn diese (zu gestaltenden) Milieus sich nicht nur auf die Einrichtungen und ihre Angebote beziehen, sondern auch auf die Lebensumstände im Umfeld/außerhalb.“

Eva: Tja, das sind gute Definitionen und griffige Einordnungen, da könnten wir durchaus genauer drüber nachdenken, aber jetzt biegen wir erst mal anders ab und gucken, wie sich das in der Praxis darstellt.

Wir fangen mit den Zielen an, was sind die Motive, um kreative Vorhaben in die Gänge zu bringen? Auf der sozialen Seite stehen Mitmachen und Kontakte auf der Agenda, es geht um Teilhabe und Austausch, um Vermeidung von Einsamkeit und um gemeinsamen Spaß, um wechselseitigen Respekt und Erweiterung des eigenen Horizonts. Auf der kulturellen Seite schlägt das Erlernen von neuen Techniken und ihre Anwendung zu Buche, es kann um einen künstlerischen Prozess und die Entwicklung eines Produktes gehen, es können ästhetische Kriterien zum Tragen kommen und Zuschauende können das Ergebnis besichtigen. Die Gewichtung in diesem Arbeitsfeld neigt sich eher in die soziale Richtung, die künstlerischen Aspekte werden dem meistens untergeordnet. Das ist im professionellen Bereich umgekehrt. Das Mischungs-Verhältnis in der sozial-kulturellen Arbeit schätzen wir auf 60% / 40%.

Hier ein Beispiel: Eine Gruppe mit demenziell veränderten Menschen entwickelte in Corona-Zeiten per Video die Bildergeschichte „Meine Oma hat ein Elefantengedächtnis“ in Deutsch und Türkisch. Hauptziel der Arbeit war es, die Menschen beieinander zu halten und sie in dieser Ausnahmesituation nicht in die Einsamkeit rutschen zu lassen. Das Malen der Bilder, die Entwicklung der Geschichte, die filmischen Entscheidungen wurden gemessen daran, ob sie für die Einzelnen zu bewältigen sind und ihnen Freude bringen – das Ergebnis wurde dann richtig toll und kann mit den Worten soziales Engagement und kulturelle Kreativität treffend charakterisiert werden.

Markus: Nun ein Blick auf die Methoden: Diese sind so vielfältig wie die verschiedenen Genres und hängen von diversen Rahmenbedingungen ab. Meistens braucht es mindestens einen Menschen mit Fachwissen, die oder der die Teilnehmenden motivierend in die Gänge bringt. Ob Tanz- oder Malgruppe, ob Beat-Box- oder Clowns-Workshop, ob Video- oder Chor-Wochenende, jemand mit Kenntnissen wirft diese in den kreativen Ring. Es hängt stark von der leitenden Figur und den anvisierten Zielen ab, wie offen der Prozess angegangen oder wie direkt ein Ergebnis angesteuert wird. Auch die angelegten Kriterien spielen eine wichtige Rolle, was fällt mehr ins Gewicht, Prozess oder Produkt? In der sozial-kulturellen Praxis wird das im Idealfall gleichgewichtig ausgependelt, die Durchführung zeichnet sich durch einen spannenden Werdegang mit einem interessanten Ergebnis aus. Denn die schönste Methode nützt nichts, wenn die Teilnehmenden nicht darauf abfahren, das heißt, die Vorgehensweise sollte sich flexibel sowohl auf die Schwierigkeiten als auch auf die Talente der Mitmachenden einstellen.

Ein Beispiel: Zwei theaterpädagogische Leiterinnen einer intergenerativen Gruppe aus drei alten und drei jungen Frauen hatten sich vorgenommen ein Stück zum Thema Generationskonflikte zu entwickeln. Eine Autorin sollte die Improvisationen aufnehmen und dann für sprachliche und dramaturgische Qualität bürgen. Methodisch und konzeptionell gut vorbereitet stellte sich im Prozess heraus, dass kein Generationskonflikt weit und breit aufzutreiben war, im Gegenteil, die Gruppe harmonierte aufs Schönste. Also wurde die ursprüngliche Methode, die eigenen Erfahrungen mit Generationsproblemen der Teilnehmerinnen zu thematisieren, über Bord geworfen und die Autorin schrieb mehr oder weniger allein eine Textfassung. Natürlich blieb in ihrem Kopf-Sieb vieles aus der Improvisations-Phase hängen, aber die geplante, engmaschig verzahnte Arbeits-Methode wurde zu einem guten Teil verändert und aufgeweicht. – Es ist dann ein richtig tolles Stück geworden, vielleicht gerade weil die Methode den Realitäten angepasst wurde und nicht umgekehrt.

Eva: Wirkungsweisen nach innen: Bei aller Unterschiedlichkeit der Genres und Methoden sind die Wirkungen in diesem Arbeitsfeld miteinander vergleichbar, egal, ob gesungen, getanzt, gestrickt, gefilmt oder gemalt wird. Für die Teilnehmenden werden sehr viele verschiedene Effekte spürbar. Zunächst lernen sie schlicht etwas Neues, was sie vorher nicht konnten, sie probieren etwas aus oder verbessern ihre Fähigkeiten. Es entwickelt sich ein Bewusstsein für die neu erworbenen Spielräume und die eigenen verborgenen Talente. Bei längerfristigen Projekten steigern sich die Möglichkeiten, sich mit verschiedenen Themen, Ansichten und Kulturen auseinanderzusetzen. Der sozial-kulturelle Ansatz hält den Ball eher flach, kreative Tätigkeiten sollen für alle möglich sein und nicht nur Künstler*innen vorbehalten bleiben. Für die Mitmachenden bedeutet das, sie können sich ohne Druck entfalten und ausprobieren - in jedem Fall ein Gewinn.

Beispiel: In einer inklusiven Musik-Ferienwoche kamen mehrere Kinder zwischen 9 und 12 Jahren ohne Vorkenntnisse zusammen. Sie lernten verschiedene Musik-Instrumente kennen, probierten aus, welches sie am liebsten mögen und machten sich gemeinsam auf, ein Lied zu erarbeiten. Sie waren schüchtern und mutig, frech und zurückhaltend, schnell frustriert und schnell begeistert. In der einen Woche wurden riesige Sprünge gemacht, sowohl am Instrument als auch im sozialen Gefüge – zum Abschluss gab es dann eine bejubelte Präsentation für Freunde und Familie.

Markus: Wirkungsweisen nach außen: Wenn es nach einer gemeinsamen Arbeitsphase Ergebnisse zu besichtigen gibt, hat das in jedem Fall eine Wirkung auf das jeweilige Publikum. Die Besuchenden reagieren auf die Ergebnisse und diskutieren sie mit den Urheber*innen oder untereinander. Sie wirken in die Umgebung hinein, vielleicht nimmt der Kiezanzeiger davon Notiz oder Personen des öffentlichen Lebens kommen zu Besuch. Die Themen des Stadtteils spiegeln sich durch die Teilnehmenden in den Aktivitäten und spitzen diese künstlerisch zu. Damit wird Aufmerksamkeit erregt und es werden vielleicht auch eigenwillige Perspektiven präsentiert. Im besten Fall werden auch Misslichkeiten und Problemfelder sichtbar, die dann verändert werden können.

Beispiel: Rund um eine Film-Veranstaltung zur U-Bahn-Linie 8 wird eine begleitende Ausstellung gezeigt. Ein Fan von Berliner U-Bahnhöfen hat großformatige Bilder in starken Farben angefertigt und diese ins Foyer des Nachbarschaftshauses gehängt. Er spricht die Besucher*innen des Film-Abends einzeln an, wie ihnen die Gemälde gefallen, was sie darin sehen, was ihnen nicht gefällt und wie einzelne dargestellte Situationen verbessert werden könnten. Besser kann eine Ausstellung nicht wirken.

Eva: Rolle der Nachbarschaftshäuser: Entgegen der landläufigen Meinung vieler gibt es in Kunst und künstlerischen Prozessen keine normative Ästhetik, es gibt unterschiedliche Wege und Ergebnisse, die aber alle durch künstlerische Überlegungen gerechtfertigt sind. In Kunstkreisen wird gerne zwischen "richtiger" oder professioneller Kunst und Amateurkunst unterschieden, aber diese Diskussionen brauchen die Nachbarschaftshäuser nicht zu führen und zu fürchten, denn ihre Priorität ist völlig klar: sie sind offen für alle und daher versuchen sie, in die Kreativ-Prozesse alle beteiligten Menschen zu integrieren. Kulturarbeit in Stadtteilzentren muss kein Ergebnis vorzeigen. Das ist ja gerade das befreiende an unserer Kulturarbeit - die geringe Fixierung auf ein ‚ordentliches‘ Ergebnis, der Weg ist das Ziel und das erstellte Produkt ist in jedem Fall anerkennenswert. Im besten Fall ist es sogar etwas ganz Besonderes, weil es einen ungekünstelten Charme hat und absolut authentisch ist.

Beispiel: Wie groß die Spanne der Möglichkeiten ist, zeigt sich in den vielen Chören, deren Ansätzen, deren Zusammensetzung, deren Zielen. Und diese Vielfalt erreichen sie auf ganz unterschiedlichen Wegen, ohne dass man davon sprechen kann, dass irgendetwas an Qualität oder Professionalität fehlen würde. Es gibt viele Amateure, die über eine hohe Professionalität verfügen. Und in vielen Chören besteht die Qualität eben aus der einmaligen Botschaft, die gerade durch die Zusammensetzung der Chöre entstehen kann. Chormusik erlaubt vielfältigen künstlerischen Zugriff, sei es in der Auswahl der Musik, deren Gestaltung und Aussagekraft. Es gibt Chöre für Nichtsänger*innen, es gibt Chöre, die gesellschaftliche Themen besingen z.B. schwule Männerchore singen für die Sichtbarkeit. Es gibt Chorwettbewerbe, die sogar im Fernsehen ausgestrahlt werden, wie "Der beste Chor Norddeutschlands“.

Markus: Was ist nun so besonders an diesem sozial-kulturellen Bereich? 

Wie aus der bisherigen Darstellung vielleicht ersichtlich wird, bietet dieses sozial-kulturelle Arbeitsfeld sehr viel Freiraum für Experimente und Versuche. Die Anstöße dazu können aus unterschiedlichen Ecken kommen. Vielleicht finden Menschen in einem Stadtteil, dass die Geschichte ihres Kiezes sehr erzählenswert ist, und entwickeln eine Ausstellung dazu. Vielleicht fällt einem Mitarbeitenden auf, dass ältere Menschen sehr gern und gut tanzen, und es wird ein regelmäßiger Tanztee eingerichtet. Vielleicht war eine ehrenamtliche Mitarbeiterin in ihrem früheren Leben Kunstlehrerin und brennt darauf, Mal-Workshops zu geben. Diese verschiedenen Impulse werden in Nachbarschaftseinrichtungen aufgenommen, unterstützt und gedeihen dann weiter. 

Diese besondere Durchlässigkeit für Ideen und Formen gibt es nirgends sonst, zwar auch nicht flächendeckend in allen Nachbarschaftshäusern, aber potenziell in sehr vielen und das ist eine große Stärke dieser Einrichtungen, selbst wenn nur die eigenen Räume für dieses zivilgesellschaftliche Engagement zur Verfügung gestellt werden. 

Eva: Ebenfalls entscheidend ist die Freiwilligkeit bei allen Aktivitäten. Auf dieser Basis funktionieren die Gruppen und Angebote, Menschen verbinden sich freiwillig durch ein gemeinsames Interesse. Und dieses Interesse ist ein ganz wichtiges Motiv für künstlerisches Tun. Das heißt aber nicht, dass alle Maler*innen, Köche oder Theatermenschen von sich aus eine soziale Ader haben und deshalb unbedingt menschenfreundlich kooperieren wollen. Nein, sie haben, wie wir alle, unterschiedliche Bedürfnisse und Stimmungen und Erwartungen, die irgendwie unter einen Hut passen müssen. Sie verfügen über unterschiedliche Ressourcen und Talente kommen bestenfalls aus unterschiedlichen Milieus oder Kulturen. Das Interesse an gerade eben diesen künstlerischen Prozessen verbindet die Menschen und lässt sie gemeinsam als Gruppe zusammenarbeiten. 

Markus: Wenn man ein wenig herauszoomt aus dieser Nahaufnahme, dann kommt die Theorie des sozialen Kapitals mit in den Blick entlang der Frage: wie lässt sich die soziale Situation der Menschen verbessern? Und da hat sich gezeigt, dass soziale Arbeit und Beratung nicht die einzigen Wege sind. Sondern dass die Menschen selbst sich gegenseitig helfen und unterstützen können, wenn eben Menschen zusammentreffen, die kurz gesagt über sehr unterschiedliche Ressourcen verfügen. Das geschieht in den seltensten Fällen einfach so, sondern nur, wenn tatsächlich Verbindungen bestehen und Vertrauen zwischen diesen Menschen wachsen kann. Die sozial-kulturellen Angebote der Nachbarschaftshäuser können genau diese Orte sein, an denen das soziale Kapital und die Theorie der Brückenbildung funktionieren kann. Und dann kann man erkennen, warum es gelingt, was in anderen Zusammenhängen durchaus misslingt, nämlich unterschiedliche Menschen miteinander zu vernetzen. 

Hier kommen dann die eigentlichen kreativen und künstlerischen Prozesse ins Spiel. Denn sie erlauben - unabhängig von Bildungsgrad, Sprache, Geschlecht etc. - Methoden und Wege zu finden, bei denen alle auf verschiedenste Weise beteiligt sind. Kulturarbeit ermöglicht bridging social capital – als Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher Milieus. Natürlich sollte man genauer analysieren, wie das methodisch funktioniert. Die Profis wissen, wo da die Haken und Ösen sind. Exklusion ist wirklich ein sehr komplexer und oft nicht sofort wahrnehmbarer Prozess. Natürlich sind auch kreative oder künstlerische Prozesse nicht davor gefeit, Menschen auszuschließen. Umso wichtiger ist es also über die Kulturarbeit Verbindungen aufzubauen, welche durch Unterschiedlichkeit geprägt sind und daraus einen Mehrwert schaffen.

Eva: Eine Besonderheit: Kulturarbeit als demokratisches Element

Wie schon gesagt, kommen in der Kulturarbeit der Nachbarschaftshäuser Menschen zusammen, die ein gemeinsames Interesse teilen. Im gemeinsamen Tun und Handeln bildet sich so etwas wie eine Gruppe. Ein Zusammenhalt, eine Bindung an andere Menschen. Niemand würde in ein Haus kommen, mit dem Auftrag, geh da mal hin und bilde mit anderen Menschen zusammen eine Gruppe. Da können und sollen die Nachbarschaftshäuser unterstützen - als Begegnungsorte in der Nachbarschaft mit ihren sozial-kulturellen Angeboten. Damit diese Gruppe funktioniert, muss sie alle möglichen kleinen Hindernisse, Barrieren und Konflikte durchstehen. Und die Bereitschaft diese Herausforderungen, Teil einer Gruppe zu sein, zu meistern ist offensichtlich größer, wenn man ein anziehendes gemeinsames Interesse hat. Hier entstehen über die Kulturarbeit neue Inhalte und Formen des Lernens von Demokratie. Hier wird ausgehandelt, was werden kann, was werden könnte und was werden soll.

Markus: Noch eine Besonderheit: Wirkungsvolle Verknüpfungen zu den anderen Arbeitsfeldern 

Um Wirkungen zu entfalten ist es nicht zwangsläufig notwendig, dass Gruppen der Kulturarbeit immer langlebig und kontinuierlich agieren. Das kann sein, es muss aber nicht. Kulturarbeit kann auch über ein einmaliges Event große Effekte auslösen.

Interessant sind auch Überlegungen, wie wir in den Nachbarschaftshäusern Kulturarbeit mit den übrigen Arbeitsinhalten und -bereichen verzahnen, verweben und darüber neue Wirkungen entfalten. Das heißt aber, wir brauchen dafür genügend Zeit und Räume für den Austausch von aktuellen Ideen, Themen und möglichen Schnittmengen zwischen Kulturarbeit und Sozialarbeit.

Verzahnungen sind wichtig, und zwar in beide Richtungen. Z.B. können wir Ausstellungen verknüpfen mit Begleitveranstaltungen, wie Gesprächsrunden oder Filmabenden. Bzw. rund um eine Fachveranstaltung kann es auch Sinn machen, eine bestimmte Ausstellung zu zeigen.

Ich will an dieser Stelle noch 3 Beispiele bringen.

Beispiel 1: Wenn es im Nachbarschaftshaus um die Planung nächster Legislativer Theaterabende geht, gibt es meist ein Zusammentreffen zwischen mir und den beiden Theaterpädagogen. Dabei erzähle ich, welche Themen uns in der Nachbarschafts- und Gemeinwesenarbeit gerade aktuell umtreiben und die Theaterpädagogen ergänzen dies mit Themen aus dem eigenen Umfeld. Daraus entstehen Inhalte für Anträge zu einem neuen Legislativen Theaterabend oder anderen Theaterprojekten. Als Beispiele der beiden letzten Jahre können genannt werden – Grundeinkommen als Alternative zu Hartz IV 2019, Mobilität und Verkehrswende 2021, Altersarmut 2022.

Beispiel 2: Im Herbst 21 erhielten wir eine Anfrage vom Theaterprojekt „Inklusion bühnenreif“, ob sie nicht regelmäßig bei uns proben könnten. Seit dem Frühjahr 22 finden ihre Proben bei uns statt. Und langsam versuchen wir gemeinsam, unsere Nachbarschaft anzusprechen, zu den Proben einzuladen und das Theater mehr und mehr in unsere Nachbarschaftsarbeit einzubinden.

Beispiel 3: Als die transkulturelle Theatergruppe Sultaninen in Neukölln an den Start ging, wirkte sie vom ersten Augenblick an wie ein Schneeball ins Nachbarschaftshaus hinein, die Spieler:innen tauchten beim interkulturellen Frühstück auf oder mischten sich bei den Stadtteilmüttern ein. Anstelle von nebeneinander existierenden Projekten konnten Anregungen und Infos hin- und herfliegen und die interne Verzahnung bereichern.

Eva: Finanzierung

Eine Herausforderung der Kulturarbeit ist sicher die Finanzierung. Interessant ist es dabei, in die bundesweite Landschaft der Nachbarschaftshäuser und Stadtteilzentren zu schauen. Da gibt es teilweise ja Einrichtungen, die direkt aus dem Kulturbereich gefördert werden und damit möglicherweise über kontinuierliche Projektarbeitsmittel verfügen.

Für die Nachbarschaftseinrichtungen, die in erster Linie aus dem Bereich Soziales finanziert werden, ist es sicherlich ungleich schwerer, kontinuierlich umfängliche Mittel für die Kulturarbeit zur Verfügung zu haben.

Die regelmäßige Akquise von Projektmitteln – insbesondere um kontinuierliche Kulturarbeit leisten zu können – ist eine Herausforderung, die unseres Erachtens nur in Ausnahmefällen und nur mit sehr viel Aufwand erfolgreich zu leisten ist.

Ist es daher ein realistisches Bild, dass Nachbarschaftseinrichtungen eher über kleine Budgets für kontinuierliche Kulturprojekte verfügen und sich – je nach Kapazität, Innovation und Glück – zusätzliche projekt- bzw. eventbezogene Mittel für 1-3 Jahre sichern?

Wir sind gespannt auf den Austausch hier im Rahmen der Tagung und hoffen, Einblicke zu bekommen, welches Bild der Finanzierung sich in der Landschaft der Nachbarschaftseinrichtungen zeichnen lässt.

Markus: Ein kurzes Fazit soll unsere Betrachtung nun abschließen: Wir beide verstehen Kulturarbeit als eine riesige Chance für die Nachbarschaftshäuser. Besonders in Sozialräumen mit unterschiedlicher Bevölkerungsstruktur ist das Interesse an verschiedenen Kulturen und ihren künstlerischen Ausdrucksweisen spannend und hilft bei der wechselseitigen Verständigung. Damit wächst ein Reichtum in unsere Häuser hinein, der einfach mitgebracht und geteilt werden kann. Kulturarbeit wirkt bereichernd, macht Nachbarschaftshäuser interessant und anziehend. Sie ist ungeheuer vielseitig und bietet jede Menge Spielräume.

Eva: Und warum nun ein Herzstück der Nachbarschaftsarbeit? Tja, weil es ein sehr demokratisches, inklusives und vergnügliches Element ist. Es vereint in sich so viele Möglichkeiten der Beteiligung, des Lernens, des sozialen Miteinanders, des bürgerschaftlichen Engagements, der politischen Positionierung, der künstlerischen Selbstverwirklichung, des ästhetischen Ausdrucks, der interkulturellen Auseinandersetzung, des inklusiven Vorankommens, des intergenerativen Dialogs – genug, um ein großes Herz zu füllen.

 Vortrag von der VskA Jahrestagung 2022 in Bremen

(c) VskA Berlin


Autor*in:  Markus Runge, Geschäftsführung NBH Urbanstraße und Vorstand VskA Landesverband Berlin, Eva Bittner, Gründerin und langjährige Leitung des Theater der Erfahrungen.