"Hinausreichendes Klemmbrett-Vermeidungs-Rezept"

Jeder stellt sich in der GWA die Frage: Hmm, wie komme ich eigentlich an die Menschen ran? Wie erfahre ich, was die Nachbar:innen sich wünschen? Wie bringe ich sie dazu mit mir zu sprechen ohne sie auf der Straße überfallartig mit dem Klemmbrett zu bedrängen? Und ohne sie mit der Frage nach Antworten gleich wieder in die Flucht zu schlagen? 

Durch das Projekt „Mobile Stadtteilarbeit“ (vom Verband für sozial-kulturelle Arbeit (VskA) beantragt und aus Mitteln des EU-REACT – Programms als Teil der Reaktion auf die Covid-19 Pandemie gefördert) wurde die Chance geschaffen verschiedene Rezepte – oder auch Arbeitsansätze - auszuprobieren. Ausgehend von etablierten Stadtteilzentren und Nachbarschaftshäusern beleben Gemeinwesenarbeiter:innen mit mobilen Standorten in 37 Kiezen nachbarschaftliche Beziehungen, fördern Gemeinschaft und bieten Unterstützung bei Konflikten an. Mobile Stadtteilarbeit ist frei, sich ganz auf die Anliegen und Themen der Menschen im Stadtteil zu konzentrieren und die Menschen direkt in ihrem Wohnumfeld anzusprechen und einzubinden. (Zitat von der Webseite der mobilen STA des VskA) Unser Weg scheint so frei wie die Zubereitung einer Pizza, es braucht ein paar wenige – aber sehr essentielle - Grundzutaten für den Boden, eine Soße und eine bunte Auswahl an Möglichkeiten diese, zu belegen. Moment! Unser Weg? Wessen eigentlich? Sorry – WIR sind das Team HSHmobil aus Hohenschönhausen Nord, im wesentlichen zwei Mitarbeitende mit Erfahrungen aus der Stadtteilkoordination, der Spielmobilarbeit und der Gastro sowie aus der freien Wirtschaft. Dies alles gut vermengt und gespickt mit guten Ideen aus dem Träger und Projekten vor Ort, ergab „unser“ Rezept.

Unsere Grundzutaten (Rahmenbedingungen für die Arbeit) 

- kontinuierliches Dasein – möglichst nicht einer allein

- an festgelegten Standorten, zu festgelegten Zeiten 

- bei Sonne, Wind und Regen (sogar im Schnee)

- und Spiele!

Mit Gummihopse oder dem Fadenspiel hat man einen guten Start ins Gespräch. Jeder kennt es und hat eine Erinnerung, die man teilen kann oder auch nicht. Und vielleicht teilt man diese auch erst beim dritten Vorbeikommen – weil „die“ auch beim dritten Vorbeikommen da sind. Damit hat man den Boden bereitet für längere Gespräche, Interviews oder Befragungen. Natürlich braucht man ein paar mehr Zutaten, die flexibel nutzbar sein sollten:

Für die Soße (Ressourcen und Fähigkeiten der Mitarbeitenden):

- Offen und vorurteilsfrei hingehen und agieren

- Niedrigschwelliges, inklusives Angebot

- Verlässliche und transparente Beziehungsarbeit

- Kommunikativ sein und bleiben

- kleine Erfolge feiern

- Verbindungen schaffen

- Und Spielen!

Für den Belag: (das was von Außen dazukommt)

- Informationen über Angebote im Kiez mitbringen

- Anbieter aus dem Sozialraum mitbringen

- Ressourcen aus dem Kiez/den Bewohnenden nutzen

- Kuriose Feiertage

- und Spielen mit unterschiedlichsten Medien, häufig auch gleichzeitig!

Und seeeehr wichtig: Am Anfang Zeit zu haben als Team zu wachsen, Vertrauen aufzubauen, sich über Arbeitsweisen und Ziele klar und Kritikfähig zu sein. Team-Konflikte vor Ort austragen… keine gute Idee – kriegen halt alle mit. 

Vor-Ort zu sein ist immer wie eine kleine Wundertüte – oder eben wie unterschiedliche Pizzen – man weiß nie was einen erwartet! Und je nach Belag bekommt man unterschiedliche Reaktionen. Spielt man mit den Menschen Büchsenwerfen ist es ein anderes Erlebnis als StadtLandFluss. Spielt man mit der Polizei in Uniform Leitergolf sinken die Barrieren! Hat man mit dem Mitarbeitenden der Schuldnerberatung Quizfragen beantwortet fällt es einem vielleicht leichter auch eigene Bedarfe zu erkennen! Und wenn man dann noch Feiertage wie: Tag des Quietscheentchen, Tag der Komplimente, Tag der verlorenen Socke oder ähnliches begeht, ist die Irritation der Vorbeikommenden perfekt! Fragen werden gestellt, Gespräche passieren, Erinnerungen werden reaktiviert, Erfahrungen getauscht und viel gelacht. Durch aktives Zuhören können dabei Möglichkeiten erkannt und zeitnah Erlebnisse kreiert werden, die Erfolge und Verbindungen schaffen und Ressourcen erkennbar machen. Und dann beginnt man mit den Menschen auf Augenhöhe zu agieren und vielleicht zu binden. 

Erst im Rückblick haben wir festgestellt, dass wir ca. 2500 Gespräche und 450 Kurzberatungen durchgeführt haben. Und dass an den Standorten ganz schön viel passiert ist. Nicht nur dass die Nachbar:innen zusammen gespielt haben, aus diesem Spiel sind nachbarschaftliche Aktionen und Hilfe gewachsen – fast ohne unser Zutun. Das ist das was Nachbarschaftsarbeit für uns ausmacht: Begegnungsorte schaffen und Möglichkeiten aufzeigen, barrierearm und regelmäßig. Als Gäste an den Orten, wo unterschiedlichste Menschen sowieso sind oder zu Fuß oder mit allem was rollt vorbeikommen. Und vielleicht bringt eine/r Pizza mit. Lecker!


Autor*in: Beate Janke und Bernd Weiland, Mobile Stadtteilarbeit

Organisation: Verein für aktive Vielfalt e.V., Ribnitzer Str.1b, 13051 Berlin

www.vav-hhausen.de