ALLMENDENRAUM
Warme, wohlwollende Beziehungen sind die Grundlage eines jeden glückliches Leben.
In ihrer Präsenz bestehen mentale und physische Krankheit fort, bzw. wenn physisches Leiden erscheint, wird es leichter ertragen. Menschen, die sich über warme, wohlvollende Beziehungen freuen, begegnen Herausforderungen angstfrei und optimistisch, haben weniger Gründe zu Drogen oder Alkohol zu greifen, sind arbeitsfähiger und intrinsisch motiviert, einen positiven Beitrag zu leisten. Im Einklang mit diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen und mit der Grundeinstellung „Schöner kann es immer werden“ bündelte das Team der Mobilen Stadtteilarbeit Weißensee Ost (FreiZeitHaus e.V.) in 2021 seine Kräfte mit dem schon seit 2020 in Weißensee Ost und Mühlenkiez wirkenden Senatsprogramm "Stärkung Berliner Großsiedlungen".
Zunächst wurden die schon existierenden Erkenntnisse durch weitere qualitative Befragungen ergänzt, um ein Bild zu schaffen, welche Kräfte in der Nachbarschaft in Weißensee Ost wirken. Die Zeiten waren schwierig. Die Corona Krise hatte eine Vergrößerungsmacht in sich: die Trennung zwischen Generationen wurde schärfer, die Schere zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten weitete sich, die vulnerablen Gruppen in der Gesellschaft haben „den Sprung“ von potenziell ungünstig positioniert zu verwundet geschafft. Begegnet wurde den Themen Einsamkeit und Alleinsein, Überforderung, Verzweiflung, Verschlossenheit, Angst und - erfreuliche, aber rare Lichtstrahlen der Freundlichkeit - mit der zwischenmenschlichen Wärme und der Offenheit miteinander in Verbindung zu treten.
Das Team der mobilen Stadtteilarbeit ist ein Patchwork aus Menschen, die selbst über eine breite Palette an integrierten, schwierigen Erfahrungen verfügen, wie migrantischer Herkunft, Solo-Elternschaft, mehrfacher beruflicher Quereinstieg, Trauern ums Klima. Dazu bringen die Frauen die Kompetenzen mit, die in ihrer Zusammensetzung eher rar in der Branche der Sozialen Arbeit sind.
Handan Sahin ist Qigong Lehrerin, Valentina Sartori - Bildende Künstlerin, Katharina Hohaus studiert Journalistik und überquert die Alpen zu Fuß und Dessislava Haak wirkt als Mediatorin und Systemischer Coach. Aus diesen, breitflächig aufgestellten Blickpunkten begannen wir Nachbarschaft neu zu denken: als (Allmende) Raum. Als Safe Space, einen Ort, den man als eigen versteht, wo man nicht nur wohnt, sondern sich mitteilt, sich anfreundet, die eigenen Sorgen kleiner werden, da Verbindung und Vertrauen regieren.
Neugierig auf das konkrete "Wie" haben wir Schablonen mit Empathie-Wörter erstellen lassen und begannen die Fußwege und Hinterhöfe zu bemalen und dabei zu fragen: Hast du mal gemerkt, dass Wut und Mut eigentlich ein einziges Wort sind, das sich im Spiegel betrachtet? Was macht Dir Angst? Schön, dass du Freude schreiben möchtest! Was macht Dir Freude? Im Frühjahr 2022 sind wir zunächst mit einem Tiny Haus, später auch einem Lastenrad auf die Straße gegangen. Wir haben den Fußweg mit Geduld, Ruhe und Liebe bunt bemalt und sind ins Gespräch gegangen, um nach den Antworten zu lauschen. „Was braucht es, um Nachbarschaft als einen sicheren Raum zu erleben?
Lange mussten wir nicht warten.
Am 5. April 2022 läuft an unserem Mobilen Standort M. vorbei. Ein 12-jähriger Junge, mit migrantischer Herkunft, der in der Schule Mobbing erlebt, Gewalt bezeugt und verwirrt und beängstigt nach jemandem sucht, der seinen Sorgen, Ängsten und Erlebnissen Aufmerksamkeit schenkt.
Die Erzählung von dem 12-jährigen M. hatte die Dringlichkeit, die nach sofortigem Handeln verlangte. Schon am nächsten Tag sprachen die Mediatorin und die Bildende Künstlerin mit dem Hort Team an der betroffenen Schule. Mediation, Bildende Kunst und Pädagogik trafen aufeinander und das Format "Gewalt Wegzeichen" wurde geboren.
Es lag auf der Hand, dass wenn wir die Nachbarschaft gemeinsam mit den Anwohner: innen als Safe Space gestalten wollen würden, brauchen wir die Schüler: innen als Nachbar: innen zu denken, genauso wie die Eltern, Erziehungspersonen, Lehrer:innen, bzw. alle Erwachsene um den Heranwachenden herum. Safe Space braucht immer ein gegenseitiges Sehen und Unterstützen. Desto erfreulicher war die Nachricht, dass eine Nachbarin bereit war mitzuwirken und das Projekt als Kamishibai Theater Erzählerin zu begleiten.
Die Kinder wurden im Rahmen der Hortbetreuung eingeladen, Kamishibai Erzähltheater kennen zu lernen, daraufhin ihre eigenen Geschichten zu malen. Die Großformatzeichnungen wurden in Kamishibai Folien umgewandelt. Die Geschichten wurden so dann in die Nachbarschaft getragen, u.a. bei einem Fest während der Woche der Nachbarschaft.
Die Kinder haben ihre eigenen Stimmen gehört und ihre Fähigkeit erlebt, den eigenen Kontext mitzugestalten. Die Herzen wurden warm.
Folgend kam der Durst nach mehr. Für alle Beteiligten.
Wir starteten die Außerirdischen-Befragung.
Natürlich wollten wir wissen, was für eine Haltung gegenüber den „Anderen“ die Erwachsenen zu Hause und in der Schule den Heranwachenden einprägen. Und: auch welcher Erfahrungsgrundlage? In den folgenden Monaten haben wir fast 400-mal Kindern die 5 Fragen gestellt:
Welchen Ort würdest du einem/r Außerirdischen zeigen?
Was würdest du einem/r Außerirdischen beibringen?
Was würdest du ihr/ihm über die Erde erzählen?
Was würdest du ihm/ihr über die Menschen erzählen?
Was hast du gemeinsam mit einem/r Außerirdischen?
Die Ergebnisse waren so tiefschichtig, bunt und zugleich weitsichtig, dass wir gar nicht anders konnten, als den nächsten Schritt zu denken. Valentina Sartori, unsere Bildende Künstlerin, hat ihren Weg zurück in die Klassenzimmer gesucht, um mit den Schüler:innen der Georg Zakarias Grundschule gemeinsam ein Buch zu gestalten. Das Buch des Außerirdischen Talks. Der grafische Künstler, Naldo Gruden, der es wagt, Öffentlichkeitsarbeit nicht nur als ein Werbeinstrument, sondern auch als ein Bildungs- und Bindungsmedium zu denken, hat die Aufgabe der finalen Bearbeitung mit Herzblut übernommen. Sobald das Buch fertig ist, wird dies ein Werkzeug sein, mit dem bewusste (Selbst-) Reflektionsgespräche im Schulalltag geführt werden könnten, so dass sich Worte finden lassen für das Miteinander von Menschen mit unterschiedlichen Herkünften, Kulturen, Sprachen und sozialen Lagen.
Die Arbeit hat Feuer gefangen.
Am 20.09.2022 fand die erste Bildungskonferenz des „Netzwerks Bildung in Weißensee und Heinersdorf - Barrierefreier Zugang zu Bildung für alle Kinder“ statt.
Ein gemeinsames Vorhaben der Sozialraumorientierte Planungskoordination Pankow (Bezirksamt), Stärkung Berliner Großsiedlungen, Mobile Stadtteilarbeit, dem BENN Team Weißensee und weiteren Akteur: innen und Ämter-Vertreter:innen. Die Keynote Sprecherin, pädagogische Fachberaterin, Geschäftsführerin der FreiZeitHaus gGmbH und der Freien Schule Barnim in Biesenthal, Frau Doreen Buske hat sich an die Teilnehmenden gewandt, mit dem Fokus darauf, dass Kinder barrierefreie Räume brauchen, nicht nur als physische Realität, sondern auch gefüllt mit einer vorurteilsfreien Lern- und Beziehungskultur, damit sie nicht nur von dem Lehrplan profitieren, sondern auch Beziehungskompetenzen positiv internalisieren. Denn wie bereits beschrieben, sind wohlwollende Beziehungen die Grundlage eines jeden glückliches Lebens, wie auch Grundlage einer wertebasierten gesellschaftlichen Kultur, die es sich anzustreben lohnt, um die Herausforderungen unserer Zeit eine bessere Zukunft positiv entgegensetzen zu können.
Wo soll der der Wandel zum Safe Space in Weißensee Ost ansetzen?
Die Anwohner:innen brauchen Orte, um sich zu treffen, ihre Hunde auszulaufen, ihren Kindern beim Spielen erfreut zuzuschauen, Sport zu treiben, Feste zu feiern, Ferienprogramme zu genießen, Kunst zu erleben, gemeinschaftlich zu gärtnern, Zusammensein neu zu erleben. Idealerweise einen Coworking Raum, wo man sich beraten lassen kann, wo Hilfe und Selbsthilfe gleichermaßen verankert sind.
Auch dieser Herausforderung hat sich das Team der Mobilen Stadtteilarbeit in den letzten Jahren gewidmet. Nach einem intensiven Flächenscreening in der Region, tat sich in der Neumagener Str.13 ein Sportplatz auf, ungenutzt, leer und verschlossen. Dank der großartigen Zusammenarbeit mit der Sozialraumorientierten Planungskoordination Pankow könnten wir hier einen nachbarschaftlich genutzten Raum im Rahmen einer Zwischennutzung (Kooperation Schulamt/SPK/zivilgesellschaftlicher Träger) eröffnen. Was brauchte es dafür?
Gemeinsam mit dem Kollektiv Refunc aus den Niederlanden konzipierten und bauten wir von Mai bis Oktober 2022 ein erstes Mobiles Stadtteilzentrum.
Das erste seiner Art in Berlin: unser Ja!Space.
Dieses ist ein mobiler, nachhaltig gebauter und zirkulär gedachter Raum, der sich in einem kontinuierlichen räumlichen und funktionellen Entwicklungsprozess befindet. 90% aller eingesetzten Materialien sind Restmaterial oder Material mit einer schon heute geplanten Zukunft. So sorgt der Ja! Space in mehreren Schichten für nachhaltigen Einsatz und zirkuläre gedachten Gebrauch von Ressourcen.
Das Ja!Space sammelt und filtert sein eigenes Regenwasser, hat Infrarotbodenheizung und viel Tageslicht.
Vor allem ist das Ja!Space das pochende Herz einer Idee mit dem festen Willen, groß und stark zu wachsen: Zwischen- und Mehrfachnutzungen von Flächen im Sinne der Entwicklung von vielfach nutzbaren (Allmende) Räumen, für eine gelebte, auf Beziehungen miteinander aufbauende Nachbarschaftsarbeit.
Warum lohnt sich das alles gelesen zu haben?
Ich bin Dessislava Haak und meine große Freude ist es, das Programm "Stärkung Berliner Großsiedlungen" für Weißensee Ost für FreiZeitHaus e.V. zu koordinieren und das Team der Mobilen Stadtteilarbeit zu leiten. Aber vor allem bin ich eine Mutter, die mit Hoffnung und Dankbarkeit durchdrungen ist. Es ist eine wunderschöne Erfahrung, Kräfte, Intelligenz und Inspiration mit außerordentlich begabten Kolleg:innen zu bündeln.
Dies lehrt mich jeden Tag aufs Neue das, was Al Gore einst formuliert: „Der menschliche Wille Gutes zu bewirken ist an sich selbst eine erneuerbare Ressource.“
Der Alltag dieser Arbeit überzeugt mich immer fester, dass wir es schaffen können, uns Selbst, unsere Familien, Kitas, Schulen, Nachbarschaften, Städte, Staaten und so unsere gesamte Welt als ein Safe Space zu gestalten.
Im Berlin Weißensee Ost starten wir. Und ihr?
Autorin: Dessislava Haak, Mobile Stadtteilarbeit
Organisation: FreiZeitHaus e. V., Gäblerstraße 4, 13086 Berlin
